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Aufzeichnung des Gesandten I. Klasse Schmidt

(Büro RAM, z. Z. Salzburg)

 

Geheime Reichssache                                        

Salzburg, den 23. April 1943

Aufz. Füh. 27/43 g. Rs.

 

Aufzeichnung über die Unterredung zwischen dem Führer und dem slowakischen Ministerpräsidenten Tiso in Anwesenheit des RAM2 und des slowakischen Aussenministers Tuka in Schloss Kiessheim am 22. April 1943 Nachmitags.

Tiso bemerkte zu Beginn der Unterredung, daß er eigentlich keine besonderen Gesprächspunkte für seine Unterhaltung mit dem Führer habe. Er könne lediglich auf eine gewisse Publizität der ungarischen Presse hinweisen, die für die Wiederherstellung des tausendjährigen Stephansreichs eintrete und dadurch der slowakischen Regierung Schwierigkeiten bereite. Denn die slowakischen Journalisten könnten natürlich eine derartige Propaganda nicht lange ohne Antwort ohne Antwort hinnehmen. Antworteten sie aber, beschwerten sich die Ungarn sofort über die ungarnfeindliche Haltung der slowakischen Presse.

Der Führer erwiderte, daß er die Schwierigkeiten der Slowakei mit Ungarn sehr gut verstehen könne, jedoch bitten möchte, daß auf slowakischer Seite eine gewisse Zurückhaltung in der Beantwortung dieser Pressepolemik geübt werde. Er könne Tiso versichern, daß das Stephansreich mit seinen tausendjährigen Grenzen nie wieder entstehen würde. Deutschland habe bereits früher der Slowakei die Zusicherung ihres Besitzstandes gegeben. Diese habe in dem Kampf gegen die Bolschewisten Deutschland freiwillig unterstützt. Das würde Deutschland nie vergessen und würde im übrigen zu seinem Versprechen stehen. Es bestehe kein Zweifel darüber, daß Ungarn es nie wagen würde, die Slowakei etwa anzugreifen.

Mit den slowakischen Truppen sei man auf deutscher Seite sehr zufrieden gewesen. Sie bedürften jetzt einer gewissen Erholung und Aufrüstung, und sobald die durch die Ereignisse des Winters bedingten Materialbedürfnisse der deutschen Armee befriedigt wären, würde die slowakische Armee wieder das notwendige Material erhalten.

Weiterhin sprach sich der Führer noch anerkennend über die gute Zusammenarbeit mit der Slowakei auf dem Gebiet der Jugendführung aus und beschloß seine Darlegungen mit der Bemerkung, daß er eigentlich überhaupt nichts mit Tiso zu besprechen gehabt habe. Er habe ihn jedoch nach Salzburg eingeladen, um vor aller Welt zu demonstrieren, daß die Slowakei ein unabhängiger Staat sei, mit dem Deutschland freundschaftlich verbunden

sei. Auf diese Weise würde der jetzige Besuch seinen vollen politischen Nutzen haben. Abgesehen vom Duce habe Deutschland keinen Verbündeten, bei dem so wenig Probleme bestünden wie bei den Slowaken.

Auch die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern funktioniere gut; die beiderseitigen Wirtschaften glichen sich ausgezeichnet aus und würden im Frieden den gegenseitigen Austausch zu beiderseitigem Nutzen noch erheblich erweitern können.

Zu der Haltung Ungarns zurückkehrend, bemerkte der Führer, daß Deutschland nie dulden würde, daß Ungarn etwa gegen die Slowakei vorgehe. Die Ungarn wüßten auch, daß Deutschland hier keinen Spaß verstünde, m es grundsätzlich seine Verträge hielte und in seiner ganzen Geschichte nie Verträge gebrochen habe. Außerdem sie sich Deutschland als mitteleuropäische Vormacht der Tatsache bewußt, daß eine europäische Ordnung nur auf der Grundlage des Vertrauens und absoluter Loyalität aufgebaut werden könne.

Hinsichtlich des ungarisch-rumänischen Streites über Siebenbürgen bemerkte der Führer, daß, wenn beide Länder mit aller Gewalt nach dem Krieg in offenen Konflikt geraten wollten, man sie daran nicht hindern könne. Auf jeden Fall könne die Slowakei vertrauensvoll auf Deutschlands Schutz rechnen.

Infolge des Krieges könne Deutschland nicht überall mit der wünschenswerten Deutlichkeit sprechen. Trotzdem habe er (der Führer) den Rumänen und Ungarn gegenüber eine sehr klare Sprache geführt, die auch vom Marschall Antonescu verstanden worden sei. Horthy habe er in schärfster Form erklärt, daß er (der Führer) persönlich zu Kállay gar kein Vertrauen habe.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs kam Tiso noch einmal auf die Pressefehde mit Ungarn zu sprechen und bemerkte, daß ihm Noten, die er vom Auswärtigen Amt in dieser Angelegenheit erhalten habe, gelegentlich Kummer bereiteten. Der Führer bemerkte dazu, daß der RAM bei den Ungarn daraufhinwirken solle, die von Tiso beanstandete Publizistik zu interlassen. Der RAM sagte Prüfung dieser Frage zu und erklärte sich bereit, dabei eine von Tuka angebotene Blütenlese ungarischer Pressestimmen mit zu berücksichtigen.  Der Führer wies in diesem Zusammenhang daraufhin, daß es in das Kapitel des gemeinsamen Kampfes gehöre, daß die Pressekampagne gegen die Slowakei aufhöre. Im übrigen sei die ungarische Presse das Disziplinloseste, was es auf diesem Gebiet gäbe, besonders auch deshalb, weil an ihrer Spitze der Halbjude Ullein-Reviczky stehe, der sich eine Unverschämtheit nach der anderen leiste. Der Führer schilderte dann im einzelnen, wie Ullein-Reviczky den Besuch des Duce in Salzburg der Pressekonferenz in Budapest mit der heuchlerischen Empfehlung verraten habe, die „Angelegenheit vertraulich zu behandeln“, obgleich er natürlich wußte, daß der Besuch sofort nach London gemeldet würde. Die Folge davon war denn auch, daß einige Tage später, als der Duce allerdings schon Salzburg verlassen hatte, englische Flieger nachts über dem Ort erschienen und ihn lediglich wegen der Vernebelung nicht fanden.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs erörterte der Führer im einzelnen die innere Lage Ungarns unter besonderer Berücksichtigung der Judenfrage. Er legte Tiso dar, wie wenig Ungarn gegen die Juden unternommen habe. Er (der Führer) versuche alles, um eine europäische Front gegen den Bolschewismus zu errichten. Gleichzeitig aber erhebe sich die bolschewistische Gefahr auch im Innern verschiedener Länder, besonders in einem Staat wie Ungarn mit seinen zahlreichen Juden. Er (der Führer) ziehe es vor, eine Zeitlang wegen seiner Judenpolitik beschimpft zu werden und dann Ruhe zu haben als dauernd in Unruhe zu leben. Wenn in den ungarischen Auswärtigen Ausschuß vier Juden und in den Finanzausschuß zwei Juden hineingewählt werden konnten, so könne man feststellen, daß Ungarn in seiner Judenpolitik weiter zurück sei als alle anderen Staaten, selbst Frankreich eingeschlossen.

Tiso wies dann als zweiten Beschwerdepunkt auf die zahlreichen Slowaken hin, die in der ungarischen Armee dienten. Bei den Ungarn besteh die Tendenz, vor allen Dingen die Angehörigen der nationalen Minderheiten ins Feld gegen Rußland zu entsenden. Wenn nun slowakische Truppen mit ungarischen Truppen slowakischer Volkstumszugehörigkeit zusammenträfen, ergäben sich bei dem Hin und Her von Frage und Gegenfrage nach den beiderseitigen Kampfzielen unangenehme Situationen. Die Slowaken in der ungarischen Armee wüßten gar nicht, wofür sie kämpften, und ihre Lage schüfe auch in der Slowakei Unruhe.

Der Führer wies daraufhin, daß es eine ungarische Armee eigentlich nicht mehr gebe, daß das Verhältnis Deutschlands zur Slowakei durch den Kampf gefestigt sei und dass Deutschland das gemeinsam vergossen Blut nie vergessen werde. Das deutsche Volk sei kein undankbares Volk. Deutschland würde daher nie zulassen, daß der Slowakei etwas zustieße. Unter diesem Gesichtspunkt wäre es zu begrüßen, daß in den Kleinen Karpathen ein paar deutsche Bajonette vorhanden wären. Die Ungarn würden es nie wagen, hier einen Angriff zu unternehmen, da diese Stellung ein militärisches Sprungbrett sei, das jede Offensive unmöglich mache. Außerdem habe der jetzige Besuch Tisos wieder erneut demonstriert, daß die Slowakei selbstständig und unabhängig und mit Deutschland befreundet sei.

Weiterhin wandte sich das Gespräch dem Panslawismus zu. Der Führer wies darauf hin, daß es einen einheitlichen Panslawismus ebensowenig gäbe wie einen einheitlichen Germanismus. Im Völkerleben sei es fast so wie im Leben des einzelnen, wo es auch oft schwerer sei, mit den eigenen Verwandten auszukommen als mit fremden Leuten. „Verwandte sind auch Menschen“ habe ein bekanntes Theaterstück in Deutschland geheißen. Diesen Titel könne man auch auf das Völkerleben anwenden. Die ärgsten Feinde Deutschlands wären die verwandten Engländer, und in der Schweiz käme Deutschland mit den Welschen gut aus, während es mit den Deutsch-Schweizern und besonders mit ihrer Presse dauernd in Konflikt stünde. Dasselbe sage der Duce von den Tessinern.

Tiso kam dann anschließend noch auf den Verdacht zu sprechen, daß slowakische Truppen mit Partisanen in Verbindung gestanden hätten. Er erklärte, daß er die Angelegenheit untersucht habe und dabei feststellen konnte, daß gerade diejenigen Truppenangehörigen, die in diesem Verdacht standen, bei den Kämpfen gegen die Russen wegen ihrer Tapferkeit besonders ausgezeichnet worden waren.

Der RAM bemerkte dazu, daß wohl ein Paar Fälle der Zusammenarbeit slowakischer Soldaten mit Partisanen vorgekommen wären, über die der Reichsführer-SS berichtet habe, daß im allgemeinen jedoch die Untersuchung wenig ergeben habe.

Der Führer wies auf die bekannte Erscheinung hin, daß zwischen Truppen, die längere Zeit in demselben Etappengebiet lägen, und der dort ansässigen Bevölkerung nach einiger Zeit stets über die Frauen und Kinder natürlicherweise freundschaftliche Beziehungen entstünden und daß deshalb die deutschen Truppen in Frankreich auch nie lange an derselben Stelle liegen blieben. Im übrigen sprach er sich sehr anerkennend über die slowakischen Verbände aus, die sehr anständig gekämpft hätten, und wiederholte seine Zusicherung, daß diese Verbände, sobald der Bedarf der deutschen Truppen an der Riesenfront befriedigt sei, mit allem nötigen Material wiejlerausgerüstet werden sollten. Tiso bemerkte dazu, daß bei den Truppen und im slowakischen Volk keinerlei Kampfesmüdigkeit herrsche, und führte dies vor allen Dingen auch auf das Verschwinden der Juden aus der Slowakei zurück. Der Führer stimmte dem zu und bezeichnete die Juden als einen Krankheitserreger, den man vom gesunden Volkskörper fernhalten müsse. In Deutschland ergäbe sich dies mit aller Klarheit aus dem Unterschied zwischen der Lage in den Jahren 1917/18, wo von Juden geförderte Munitionsstreiks ausgebrochen seien, und der heutigen Lage, wo die Ruhrarbeiter freiwillig Extraschichten, sogenannte Panzerschichten, führen und auf diese Weise eine Million Tonnen Kohle zusätzlich gefördert hätten. Ungarn würde allmählich das Ghetto Europas werden, weil sich alle Juden dorthin flüchteten. Dies läge nicht nur an dem Unverständnis der Ungarn hinsichtlich der Judenfrage, sondern auch daran, daß die ungarische Gesellschaft zu korrupt sei, um energisch gegen die Juden vorzugehen.

Der Führer schilderte dann im einzelnen die Entwicklung der Judenfrage in Deutschland und ihre Lösung durch den Nationalsozialismus: Ausschaltung der Juden als Zwischenglied zwischen Produzenten und Konsumenten, Ausschaltung aus dem Advokatenberuf und den sonstigen freien Berufen und dadurch Verminderung der Rechtsstreitigkeiten, Rechtsreform, das Beispiel Nürnbergs, und kam zu dem Schluß, daß jedes Land, das sich nicht gegen die Juden verteidige, von ihnen zugrunde gerichtet würde. Auch mit England würde es so kommen. In der Zeit, als dieses Land die Juden nicht bei sich duldete, habe es seinen großen Empire-Aufschwung erlebt, aber im Zeitalter der Königin Viktoria seien die Juden wieder in England groß geworden, und jetzt zeigten sich die Folgen.

Wiederherstellung der alten ungarischen Grenzen zu dokumentieren. Der Führer bemerkte dazu, daß die tausendjährige Grenze tatsächlich nie komplett bestanden habe, sondern daß die Ungarn lediglich alles Gebiet beanspruchten, wo einmal im Laufe der tausend Jahre irgendwann Ungarn gesessen hätten.

Mit der neuerlichen Feststellung, daß zwischen Deutschland und der Slowakei alles in bester Ordnung sei, fand die Unterredung ihren Abschluß.

Im Anschluß daran, wurde der Tee eingenommen, an dem außerdem Feldmarschall Keitel und slowakische Verteidigungsminister Čatloš teilnahmen.

Schmidt


ADAP, Serie E, Band 5, Dokument Nr. 338, S. 681-686.